Mein Projekt

Wie alles begann

 

Meine Arbeit in und mit der escola de samba Gres. Unidos de Vila Isabel und mit dem Karneval von Rio de Janeiro begann im Jahre 2012.

 

Die Idee entwickelte sich nach einer studentischen Exkursion, die mich nach Salvador da Bahia führte (2011). Hier kam ich erstmals auf praktische Weise mit brasilianischer Musikkultur in ihrer lebendigen Form in Berührung - in diesem Fall aber mit der traditionellen Form des "Kreis-samba" (samba de roda).

 

Wenig später lernte ich im Zuge eines Seminares, das als Querschnitt durch die Musikgattungen Brasiliens führte, den samba-enredo kennen, der mich bereits zu diesem Zeitpunkt zu faszinieren begann. 

 

Es war wohl das Gesamtpaket aus ergreifender Musik, den durchdringenden Rhythmen der rund 300 Personen starken bateria (Perkussionsgruppe), der Leidenschaft im Gesang, dem farbenprächtigen und monumentalen Spektakel des Umzugs (desfile) mit seinen zahlreichen Wagen und Kostümen (alegorias und fantasias), sowie den Spezialeffekten (um nur einige der Charakteristika zu nennen).

 

Man könnte den Karneval, jede einzelne der Präsentationen der Sambaschulen, auch als eine spektakuläre Fom der "Oper", eine Art brasilianische "Opera Popular" bezeichnen. Sie zog mich vom ersten Moment an in ihren Bann.

 

Schließlich gelang es mir Anfang 2012, den Kontakt zu Felipe, dem Sohn eines Komponisten aus der Vila Isabel herzustellen. Er half mir, in Rio Fuß zu fassen und die ersten Türen zur Vila Isabel zu öffnen, die ersten Kontakte zu den Mitgliedern der Vila zu erschließen. 

 

Da mir beim analytischen Anhören der samba-enredos aus verschiedenen Jahrzehnten die extremen musikalischen Veränderungen in dieser Musikgattung aufgefallen waren, ich in der Literatur allerdings kaum etwas über ihre Entwicklungen seit den 1980-er Jahren (die heute als "goldenes" Zeitalter der alten sambas (sambas-antigos)bekannt sind) gefunden habe, wurde dies zu meiner ersten großen Aufgabe.

 

Unter dem Titel "Rio im Sambafieber: Konstanz und Wandel des samba-enredo im Spiegel der Zeit (....)" erschien im Jahr 2013 meine Masterarbeit; das Ergebnis der ersten Feldforschung in Rio von Juli 2012 bis Februar 2013.

2014: Ein neues Projekt beginnt

 

Bereits nach der ersten Feldforschung hatten mich der samba-enredo und die escolas de samba bereits unwiderruflich in ihren Bann gezogen.

 

Nach der harten Anfangsphase, in der ich als Ausländerin den Sprung in eine Sambaschule schaffte, dort ein Netz an Kontakten aufbaute und allen Anfangsschwierigkeiten trotzte, wollte ich dieses Mal einen großen Schritt weitergehen: "Da ideia ao samba" - wie funktioniert der kreative Kompositionsprozess im samba und wie ist der samba, seine Komposition, seine Verteidigung im Wettstreit (disputa), seine Funktion in den Gesamtkontext einer Saison und der Vorbereitung eines desfile eingebettet? So lautete die Hauptfrage für mein Dissertationsprojekt. 

 

Ihre Bearbeitung stellte eine weit größere Herausforderung dar, als die vorherige über die Suche nach musikalischen Aspekten, die sich zwischen 1980 und 2013 verändert haben.

 

Weshalb? Weil die gegenwärtige Arbeit sich fast ausschließlich auf Quellen bezieht, die ich gegenwärtig erstelle - keine Bibliothek, kein Archiv kann mich mit den Schlüsselmaterialien versorgen, die den Grundstock meiner Arbeit bilden. Alle zu analysierenden Hauptquellen werden hier in Rio mit Hilfe der Kooperation aller Teilnehmenden erstellt, mit viel Leidenschaft und Hingabe an die Sache.     

 

Nachdem ich mit meiner Arbeit im Juli 2014 damit begonnen hatte, bei einigen Komponistenversammlungen (reunioes) von befreundeten Komponistengruppen und den gravacoes (Studioaufnahmen) dabei sein und dokumentieren zu dürfen und bei der Liesa (Liga independente das escolas de samba) eine Einladung zum Seminar (Schulung) der Jury im Januar zu erwirkte, eröffneten sich zwei fantastische Möglichkeiten.

 

Zum einen luden mich zwei befreundete Komponistengruppen ein, in ihren kandidierenden Sambas der Vila einen Part mit der Geige zu spielen (im Falle der einen Gruppe auf der einzureichenden CD und dem Werbeclip, im Falle der anderen auf CD, im Clip und live im Wettstreit auf der Bühne).

 

Zum anderen erwirkte ein befreundeter Carnavalesco für mich die Möglichkeit, im barracao der Vila (dem Produktionshaus von Allegoriewagen und Kostümen sowie dem Sitz der Administration und Direktion) bei Flávio Mello (dem Direktor des barracao) und Max Lopes (Carnavalesco) eine Art "estágio" (Assistenz/Praktikum) zu machen und so von Oktober 2014 bis zum kommenden Karneval den gesamten Entstehungsprozess zu begleiten.

 

        

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© Friederike Jurth