Zum Begriff des samba-enredo der escolas de samba von Rio de Janeiro

Die beschriebene Art des Karnevalssamba, heute als samba-enredo der escolas de samba bekannt,[1] wird gegenwärtig als eine bestimmte Form des samba verstanden, deren Hauptbedeutung in ihrer Funktion innerhalb des Karnevals und Umzugs der Sambaschulen liegt und den musikalischen Part des audio-visuellen Gesamtspektakels aus den Komponenten Musik, Tanz und visuelle Künste (artes-visuais) stellt.[2]

 

Die „Enciclopedia da Musica Brasileira Popular, Erudita e Folclórica” beschreibt ihn als seit den 1930er Jahren von Komponisten der Sambaschulen von Rio de Janeiro gefertigten samba, „welcher in seinem Text eine poetische Zusammenfassung des historischen, folkloristischen, literarischen oder selbst einer freien Kreation des durch die Schule gewählten Themas (enredo) sei, das dann beim desfile (Umzug) präsentiert werden soll“.[3] Der wichtige Zusatz an dieser Stelle ist der mittlerweile bereits im Namen verankerte Begriff enredo (Thema einer escola), welcher innerhalb des Umzugs seinen Ausdruck in verschiedensten Elementen – Choreographie, szenische Umsetzung in plastischen, visuellen Elementen (wie Kostümen und Allegoriewagen) etc. findet.[4]

 

Eines der bereits in den frühen Jahren charakteristischen Merkmale der desfile (Umzüge) der escolas am Praça Onze (erstes desfile competitivo, Umzug mit Wettbewerbscharakter, im Jahre 1932)[5] waren die mit großer Handwerkskunst hergestellten Kostüme (fantasias) und Allegoriewagen (alegorias). Hier war es vor allem die Aufgabe der Frauen, die Kostüme und bandeira (Flagge) ihrer Schule anzufertigen, während die Männer für den Bau von Instrumenten sowie der Planung und Ausführung des Umzugs verantwortlich waren. Stets problematisch war die finanzielle Situation, die man durch den Verkauf von kulinarischen Spezialitäten aufzubessern versuchte.[6]

 

Eine weitere Gruppe aus der comunidade (Gemeinschaft der escola) war für die Komposition des sambas für den Umzug verantwortlich, der zu jener Zeit allerdings noch anders strukturiert war, als heutzutage üblich:  Der erste Teil war festgelegt und wurde vom Chor gesungen, während der zweite ein imporovisierter Teil war. Auch bestand noch keine Verpflichtung von einer direkten Beziehung zwischen samba und enredo.[7]

 

Im Verlauf der 1940er Jahre änderten sich einige dieser Aspekte: In der „Conferencia de São Francisco“ wurde 1946 beschlossen, dass der samba in Übereinstimmung mit dem enredo stehen müsste und in Versfom, als musikalische Parallele zur szenischen, opernähnlichen Inszenierung, das Thema der Schule erzählen sollte.[8] Damit einhergehend wurde – im selben Jahr – festgelegt, dass die Sambatexte nun keine improvisierten Teile mehr enthalten dürfen: „Die Komponisten jeder Schule oder wer im zweiten Teil des samba „antwortet“ darf nicht mehr improvisieren, sondern muss einen vollständig fertigen Text mitbringen“.[9]

 

Auch die Themenwahl war nicht vorgabenbefreit: Bereits die Regierung unter Getúlio Vargas (1937 – 1945) hatte erkannt, dass die escola ein Anziehungspunkt für viele Menschen war und somit ein geeigneter Angriffspunkt für politische Beeinflussung.[10] Der Einsatz von samba als Mittel patriotischer Deklamation verschärfte sich seit dem Beginn des Estado Novo (1937 - 1945)[11] und es wurden zunehmend mehr patriotische Texte gedichtet. Schließlich verpflichtete sogar ein Paragraph im Regelwerk zum nationalistischen Bezug des enredos: Gewünscht wurde die Thematisierung historischer Fakten aus Brasiliens Geschichte, Orte, berühmte Persönlichkeiten etc.[12]

 

Auch das Departamento de Imprensa e Propaganda setzte sich innerhalb des Karnevals für die Disqualifikation von Themen ein, die außerhalb des Nationalen lagen. So wurde beispielsweise im desfile von 1938 die escola Vizinha Faladeira disqualifiziert, da sie als enredo „Schneewittchen“ präsentierten, ein ausländisches Thema.[13] Erst ab dem Beginn der 1960-er Jahre fand langsam eine Entwicklung hin zur Unterschiedlichkeit und „Freiheit“ in der Wahl der enredos statt.[14]

 

 

 

[1] Vgl. Carla M. de Oliveira Vizeu: O samba-enredo carioca e suas transformações nas décadas de 70 e 80: Uma analise musical, S. 44.

[2] Vgl. Maria Laura Viveiros de Castro Cavalcanti: „Os sentidos no espetáculo”, in: Revista de Antropologia [Vol. 45, Nr.1] (2002), S. 47.

[3] Carla M. de Oliveira Vizeu: O samba-enredo carioca e suas transformações nas décadas de 70 e 80: Uma analise musical, S. 44.

[4] Vgl. Hiram Araújo u.a.: Memória Do Carnaval, Rio de Janeiro 1991, S. 309.

[5] Vgl. Carlos Sandroni: „Samba Carioca e Identidade Brasileira”, in: Raízes músicais do Brasil, S. 29.

[6] Vgl. Carla M. de Oliveira Vizeu: O samba-enredo carioca e suas transformações nas décadas de 70 e 80: Uma analise musical, S. 37.

[7] Vgl. Ebd., S.43-44.

[8] Vgl. Ebd., S. 43.

[9] Ebd., S. 44.

[10] Vgl. Arne Birkenstock und Eduardo Blumenstock: Salsa, Samba, Santería. Lateinamerikanische Musik, S. 187.

[11]Vgl. Carla M. de Oliveira Vizeu: O samba-enredo carioca e suas transformações nas décadas de 70 e 80: Uma analise musical, S. 46.

[12] Vgl. Hiram Araújo u.a.: Memória Do Carnaval, Rio de Janeiro 1991, S. 309.

[13] Vgl. Raymondh Junior: Um tempo em que eram exigidos temas nacionais para os enredos, 02/07/2012,  http://www.sidneyrezende.com/noticia/176180, 3.8. 2013.

[14] Vgl. Hiram Araújo u.a.: Memória Do Carnaval, Rio de Janeiro 1991, S. 309.

Druckversion Druckversion | Sitemap
© Friederike Jurth